Zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Paderborn: Fernsehjournalistin Maria von Welser im Interview

Porträt Maria von Welser

Maria von Welser, Fernsehjournalistin, lehrt seit 2015 als Gastdozentin an der Universität Paderborn. Für dieses Engagement sowie für ihren Einsatz für Frauen in Afghanistan, Syrien und Afrika erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität. Im Interview spricht die u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Journalistin über ihren Werdegang, Erlebnisse in Kriegsgebieten und über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. (Foto: Niels Starnick)

Prof. Dr. Ruth Hagengruber, die bei der Verleihung die Laudatio hält, ordnet Maria von Welsers Bedeutung für die Universität und Studierende ein.

Liebe Frau von Welser, Sie waren als Journalistin u. a. für den Münchner Merkur, den Bayerischen Rundfunk, das ZDF und den Norddeutschen Rundfunk tätig. Was hat Sie Ende der 1960er Jahre dazu bewogen, Journalistin zu werden? Welche Erfahrungen haben Sie damals in einer überwiegend von Männern geführten Branche in einem konservativen Bayern gemacht?

Maria von Welser: "Meine Mutter war Mode-Journalistin, ich bin also damit aufgewachsen, dass auch Frauen diesen Beruf ausüben können. Meistens war ich an der Basis. Als Volontärin war man mit Männern überwiegend gleichgestellt, aber in der Führungsriege waren damals nur Männer und ich war auch relativ schnell in einer reinen Männer-Redaktion die einzige Frau. Ich habe da aber keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wenn man an der Basis arbeitet, wird geschaut, dass man ordentliche Arbeit leistet. Und: So konservativ ist der Journalismus in Bayern nicht gewesen. Es gibt ja in Bayern auch die SPD und die großen Städte dort waren und sind überwiegend SPD-regiert."

1988 haben Sie mit „ML Mona Lisa“ die erste Sendung im deutschen Fernsehen ins Leben gerufen und moderiert, die sich explizit den Interessen und Themen von Frauen widmete. Wie kam dieses Format an und wie nehmen Sie heute die mediale Berichterstattung über Frauen und Themen, die Frauen bewegen, wahr?

Maria von Welser: "Als wir das Programm von „ML Mona Lisa“ von Kochen und Mode zu ernsthaften Themen und allem, was Frauen interessiert, umgestellt haben, ist die Sendung sehr gut angekommen. Wir hatten z. B. 40 Prozent Männer als Zuschauer und so lautete auch unsere Überschrift „Es gibt Männer in Deutschland, die sich für Frauen interessieren“. Es war außerdem die einzige Frauen-Sendung im deutschen Fernsehen, die leider vor zwei Jahren eingestellt wurde. Heute ist es so, dass es immer noch viel zu wenig Frauen in den Führungsebenen der Zeitungen und Zeitschriften sowie in den Radio- und Fernsehsendern gibt. Die Themen werden überwiegend von Männern gesetzt und Frauen kommen dabei immer noch viel zu wenig vor."

Sie waren in Ländern wie Afghanistan, Indien, Syrien oder im Kongo unterwegs, haben dort mit Frauen gesprochen, für die sonst nur sehr Wenige ein offenes Ohr haben und schufen Ihnen eine Öffentlichkeit. 1992 waren Sie im zerfallenden und von einem Bürgerkrieg gezeichneten Jugoslawien unterwegs und berichteten über Verbrechen an Frauen. Wie haben die Menschen dort auf Sie reagiert und welches Erlebnis berührte Sie besonders?

Maria von Welser: "Die Frauen haben überwiegend positiv darauf reagiert, dass da jemand war und sich für sie interessiert und ihnen zugehört hat. Viele haben gesagt „Wie schön, dass Du da bist und unsere Geschichten aufschreibst, damit niemand sagen kann, er habe es nicht gewusst“. Es ist natürlich alles sehr berührend gewesen. Ich schütze mich aber auch ein wenig davor, indem ich das sofort aufschreibe. Wenn die Interviews aufgeschrieben sind, liegt es bei mir nicht mehr an der vordersten Front von meinem Herzen und meinen Gefühlen."

Internationale Frauenrechte: Was waren aus Ihrer Sicht in den letzten Jahrzehnten bedeutende politische und gesellschaftliche Meilensteine und wo besteht heute noch Handlungsbedarf?

Maria von Welser: "Großartig war natürlich die Leistung der Juristin und Politikerin Elisabeth Selbert bei der Erarbeitung des Grundgesetzes in den Jahren 1948 und 1949 dort den Gleichstellungsparagraphen einzubringen. Viele Männer wollten damals, dass Männer und Frauen „gleich“ sind und Elisabeth Selbert hat das erkannt und gesagt „Nein, wir sind nicht gleich, sondern gleichberechtigt“. Sie hat damals einen langen Kampf geführt, um das zu erreichen, was eine großartige Leistung war und die Basis für vieles heute Erreichte darstellt. Es hat dann aber noch viele Jahre gedauert bis dieses Gesetz umgesetzt wurde – und es wird bis heute leider nicht ganz fair umgesetzt. So kann man zwar jetzt sagen, dass wir in Deutschland alle per Gesetz gleichberechtigt sind, aber es ist immer noch so, dass es zwischen Männern und Frauen bundesweit und auf allen Ebenen eine Gehaltslücke von 22 Prozent gibt. Da ist also noch viel zu tun. Frauen sind immer noch nicht ausreichend in den Vorständen dieses Landes vertreten. Dafür haben wir aber endlich eine Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten, die langsam aufgefüllt wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat fünf Ministerinnen im Kabinett, was schon sehr beachtlich ist. Ansonsten brauchen wir aber auch mehr Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten, damit Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer."

Sie lehren seit 2015 an der Universität Paderborn. Welche Themen haben Sie in Ihren Seminaren bisher behandelt und was ist Ihnen besonders wichtig, den Studierenden zu vermitteln?

Maria von Welser: "In erster Linie ist es mir wichtig, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Dann lege ich in meinen Seminaren Wert darauf, die Themen Frauen, Krieg und Gewalt zu diskutieren und darzulegen, wie die Welt sich darstellt, in der Frauen und auch Kindern großes Unrecht wiederfährt. In den letzten Semestern habe ich außerdem Frauen, die Kriege geführt haben, als Thema aufgenommen, also z. B. Margaret Thatcher (Thatcher war britische Premierministerin während des Falklandkrieges, Anm. d. Red.). Hier diskutierte ich mit Studierenden darüber, wer diese Frauen waren und was sie dazu bewog, Krieg zu führen."
 

Liebe Frau Hagengruber, wie kam es dazu, dass die Universität Paderborn Maria von Welser für einen Lehrauftrag gewinnen konnte? Wie und wann ergab sich der Kontakt?

Ruth Hagengruber: "Maria von Welser lernte ich im Rahmen des „Netzwerkes der Deutschen Akademikerinnen“ kennen, für das wir beide aktiv sind. 2013 fand eine Netzwerktagung in Paderborn statt. Berufe in den Medien sind klassische Berufe für Philosoph*innen. Als medienaffine Dozentin bin ich immer daran interessiert, auch unseren Studierenden der Philosophie, die nicht Lehrer werden, dahingehend Unterstützung anzubieten. Als ich die Ehre und das Vergnügen hatte, Maria von Welser kennen zu lernen und sie mir sagte, dass sie bereits an der Universität Hamburg lehre, war ich kühn genug, sie zu fragen, ob sie bereit wäre, einen Lehrauftrag zum Thema „Ethik in den Medien“ für unsere Studierenden anzubieten. Die Bedeutung dieses Themas kann nicht oft genug wiederholt werden und ist heute noch dringender und das Interesse der Menschen daran noch größer als vor einigen Jahren."

Wofür steht Maria von Welser Ihrer Meinung nach und was können Studierende, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen von ihr lernen?

Ruth Hagengruber: "Philosophie an der Universität Paderborn zielt in ihrer praktischen Ausrichtung und in der berufsqualifizierenden Intention daraufhin ab, unseren Absolvent*innen Fertigkeiten zu vermitteln, um Konventionen und Informationen kritisch zu hinterfragen. Die Reportagen und Berichte von Maria von Welser erzeugten eine Aufmerksamkeit für Sachverhalte, die zwar Fakt waren, aber doch von den großen Medien nicht für berichtenswert befunden wurden. Maria von Welser hat in Deutschland einen Trend gesetzt und mit ihrem Frauen-Journal „ML Mona Lisa“ den seinerzeit geltenden Rahmen des journalistischen Metiers und insbesondere den eines Frauen-Magazins gesprengt. Sie hat hier den Blick gewendet. Genau so hat sie es gemacht, als sie über die Frauen berichtete, die Kriegsopfer sind – etwa in Afghanistan, Syrien und im Kongo. Sie hat diese Sachverhalte zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht. Diese Wendung des öffentlichen Blickes ist eine Leistung, die Mut verlangt. Maria von Welser ist daher für mich ein Vorbild und ich denke, das kann sie auch für die Studierenden sein."

Quelle: www.uni-paderborn.de/nachricht/91821/