Im Interview: Professor Gregor Engels, Universität Paderborn, und Professor Günter W. Maier, Universität Bielefeld

Prof. Maier und Prof. Engels

Der Forschungsschwerpunkt "Digitale Zukunft" und das NRW-Forschungskolleg "Gestaltung von flexiblen Arbeitswelten – Menschenzentrierte Nutzung von Cyber-Physical Systems in Industrie 4.0" werden von Forschenden der Universitäten Paderborn und Bielefeld betrieben. Ziel der Projekte ist es, wissenschaftliche Grundlagen zu schaffen, um die Veränderungen der Arbeitswelt zu verstehen und mit den Erkenntnissen den Prozess des digitalen Wandels proaktiv zu gestalten. (Foto: Universität Paderborn)

Die beteiligten Fachrichtungen sind Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Elektrotechnik, Maschinenbau, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Informatik. Die Projekte werden durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert.

Im Interview: Prof. Dr. Gregor Engels und Prof. Dr. Günter W. Maier – Sprecher und stellvertretender Sprecher des Forschungsschwerpunkts „Digitale Zukunft“ sowie des NRW-Forschungskollegs „Gestaltung von flexiblen Arbeitswelten“:

Prof. Dr. Gregor Engels ist Professor für Datenbank- und Informationssysteme am Institut für Informatik der Universität Paderborn. Seine Forschungsschwerpunkte sind prozessbasierte Softwaresysteme, modellbasierte Entwicklungsmethoden und Softwarearchitekturen. Neben seiner Funktion als Sprecher von Forschungsschwerpunkt und Forschungskolleg ist er Vorstandsvorsitzender des SI-Lab der Universität Paderborn, das Bestandteil des SICP – Software Innovation Campus Paderborn ist, sowie Vorstand des Cooperative Computing & Communication Laboratory (C-LAB), dem InnovationCenter der Atos IT Solutions and Services GmbH und der Universität Paderborn.

Prof. Dr. Günter W. Maier ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Gestaltung von Arbeit in der digitalen Transformation, Kompetenzen und Qualifizierungsbedarfe, berufliches Wohlbefinden, organisationale Gerechtigkeit, Führung sowie Kreativität.

Was hat Sie motiviert sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zu beschäftigen?

Prof. Dr. Engels:
Virtuelle, digitale Modelle von Maschinen und Prozessen werden in der Industrie dazu verwendet, um Adaptivität, d.h. eine Selbstanpassung und Flexibilisierung, in der Produktion zu realisieren. Es ist sehr spannend, diesen sogenannten „Digitalen Zwilling“ auch für die Modellierung der Interaktion zwischen Menschen und Maschinen zu nutzen, indem Erkenntnisse zu den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen einfließen. Der „Digitale Zwilling mit Menschen“ ermöglicht einen interdisziplinären, verständnisbündelnden Zugang zur Erforschung der Digitalisierung der Arbeitswelt.

Prof. Dr. Maier:
Ich finde es wichtig, sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der heutigen Technologie auseinanderzusetzen. Das funktioniert am besten, wenn man z.B. ein Assistenzsystem selbst ausprobiert. Dann bekommt man ein realistisches Bild und kann beurteilen, wie die neue Technologie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen eingesetzt werden kann.

Welchen besonderen Forschungsansatz verfolgt der Forschungsschwerpunkt „Digitale Zukunft“? Was unterscheidet ihn von anderen Forschungsvorhaben zum Themenfeld Digitalisierung?

Prof. Dr. Engels:
Sowohl im Forschungsschwerpunkt als auch im Forschungskolleg arbeiten Experten unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Dies sind unter anderem Informatiker, Ingenieure, Psychologen, Soziologen und Mathematiker, aber auch Erziehungswissenschaftler sowie Wirtschaftswissenschaftler. Unser interdisziplinärer Forschungsansatz unterstützt eine ganzheitliche Betrachtung der Herausforderungen einer digitalen Zukunft. Verglichen mit vielen anderen aktuellen Forschungsansätzen ist dies ein Alleinstellungsmerkmal.

Prof. Dr. Maier:
Ein Novum ist darüber hinaus die institutionelle Zusammenarbeit der beiden Universitäten, die jede für sich über ein spezielles Forschungsprofil verfügt. Diese Kooperation leistet einen wichtigen Beitrag zur Profilierung der Region OWL und eröffnet den Forscherinnen und Forschern wertvolle Austauschmöglichkeiten. Die Universität Bielefeld ist gemäß ihres Leitsatzes "Transcending Boundaries" von jeher der interdisziplinären Zusammenarbeit verpflichtet. Die Universität Paderborn, als „Universität der Informationsgesellschaft“, ergänzt mit technischer Expertise in hervorragender Weise.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen der interdisziplinären Forschungsarbeit?

Prof. Dr. Maier:
Die Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen braucht eine besondere Motivation. Es erfordert Zeit und Offenheit, sich ein Verständnis für das Denken und die Methoden der Kolleginnen und Kollegen zu erarbeiten. Außerdem gibt es einige praktische Hürden, wie z.B. ungenügende hochkarätige Publikationsmöglichkeiten für interdisziplinäre Forschungsergebnisse.

Prof. Dr. Engels:
Der zusätzliche Aufwand einer interdisziplinären Herangehensweise wird jedoch durch substantielle Erkenntnisse belohnt. Die Komplexität heutiger technischer und gesellschaftlicher Fragenstellungen lässt keinen anderen sinnvollen Ansatz zu.

Welche Vorteile hat der wissenschaftliche Nachwuchs, der im Forschungsschwerpunkt bzw. Forschungskolleg eingebunden ist?

Prof. Dr. Maier:
Zuerst einmal macht interdisziplinäre Forschung viel Spaß. Die Doktorandinnen und Doktoranden erwerben wichtige zusätzliche – nicht nur fachliche – Kompetenzen. Im Forschungsschwerpunkt sind neben Doktorandinnen und Doktoranden, die gerade mit dem Promotionsvorhaben begonnen haben, auch solche beschäftigt, die dieses in der nächsten Zeit abschließen. Darüber hinaus sind PostDocs und zwei Juniorprofessoren beteiligt. So werden neben dem Fachwissen auch wichtige Erfahrungen aus den verschiedenen akademischen Karrierestufen weitergegeben.

Prof. Dr. Engels:
Der wissenschaftliche Nachwuchs von Forschungsschwerpunkt und Forschungskolleg profitiert von der Einbindung in das Paderborn Center for Advanced Studies (PACE). Dadurch steht ihnen eine Vielzahl von überfachlichen Qualifizierungsmaßnahmen und Angeboten zur Qualitätssicherung zur Verfügung. Das PACE ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Paderborn, die die strukturierten Promotionsprogramme der Universität koordiniert.

Welche Ziele werden mit den Forschungsaktivitäten der beiden Einrichtungen verfolgt?

Prof. Dr. Engels:
Natürlich steht der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn im Vordergrund. Dieser erfolgt jedoch immer vor dem gesellschaftlichen Hintergrund und mit dem Ziel, die Ergebnisse in die Praxis zu transferieren beziehungsweise mit Praxispartnern zu diskutieren. Mit dem Forschungsschwerpunkt Digitale Zukunft wollen wir Unternehmen und Arbeitnehmer bei der Gestaltung des digitalen Wandels unterstützen. Wir sind überzeugt davon, dass der technische Fortschritt nicht per se festlegt, wie die zukünftigen Arbeitswelten aussehen. Es gibt eine Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten. Wir wollen mit unserer Forschung herausfinden, welche Vor- und Nachteile die unterschiedlichen Szenarien für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen mit sich bringen. Nur wer die Chancen und Risiken kennt, kann „richtige“ Entscheidungen treffen.

Prof. Dr. Maier:
Wichtig ist auch, dass wir direkt in die Unternehmen gehen und mit den Beschäftigten reden. Bestehende Ängste, z.B. zum Wegfall von Arbeitsaufgaben oder zu vermehrter Überwachung, sind berechtigt, aber gleichzeitig sollten auch die Chancen, z.B. der persönlichen Weiterentwicklung oder der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, diskutiert werden. Idealerweise können wir in unseren Projekten die neue Technik erlebbar machen. So können alle Beteiligten die Möglichkeiten viel besser einschätzen.

Prof. Dr. Engels:
Sowohl den Forschungsschwerpunkt als auch das Forschungskolleg sehen wir als Anschubfinanzierung für den Aufbau nachhaltiger Strukturen. Unser langfristiges Ziel ist es, weitere Disziplinen einzubinden und die Forschungsaktivitäten zu verstetigen.

Was sind die aktuellen inhaltlichen Schwerpunkte der Forschungsprojekte?

Prof. Dr. Maier:
Im Forschungsschwerpunkt werden im Moment zwei Forschungsfelder bearbeitet. Die anfänglichen Fragestellungen haben sich auf der Basis von Diskussionen und Workshops mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis entwickelt. Das erste Forschungsfeld beschäftigt sich mit disruptiven Veränderungen von Arbeitsprozessen am Beispiel des Crowdworking. Der Begriff „disruptiv“ bedeutet die Auflösung von etwas Bestehendem und ist deshalb eng mit den Auswirkungen einer „digitalen Zukunft“ auf die Arbeitswelt und das Privatleben verbunden. Crowdworking ist eine neue Form der Arbeitsorganisation, bei der über eine Online-Plattform Arbeitsaufgaben anhand eines offenen Aufrufs an eine heterogene Gruppe – die Crowd – vergeben werden. Uns interessiert, was diese Form der Arbeit für die Crowdworker, die Gesellschaft und die Wirtschaft bedeutet und welche Mechanismen hinter positiven und negativen Effekten stecken.

Prof. Dr. Engels:
Das zweite Forschungsfeld ist etwas stärker technisch ausgerichtet. Die Digitalisierung und Vernetzung von Arbeitsprozessen birgt Risiken für die Datensicherheit und den persönlichen Lebensbereich. Die Arbeitgeber fürchten einen Verlust der Hoheit über ihre innerbetrieblichen Daten, die Arbeitnehmer eine Bedrohung ihrer Privatsphäre durch neue Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten. Wir beschäftigen uns in den Projekten mit den technischen Möglichkeiten zur sicheren Datenerfassung und Zugriffskontrolle und deren Auswirkungen. Die Promotionsprojekte im Forschungskolleg untersuchen weitere Fragestellungen zur Gestaltung von flexiblen, digitalen Arbeitsprozessen in der Produktion, zum Beispiel zur Weiterbildung und Motivation der Arbeitnehmer, zur Anpassungsfähigkeit von Cyber Physical Systemen oder zu Assistenzsystemen.

Wie erfolgt der Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis? Wie werden die Praxispartner eingebunden?

Prof. Dr. Engels:
Die Forschungsergebnisse werden auf Tagungen und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert. Um sie für die Praxis anwendbar zu machen, werden sie aufbereitet und in Form von Working Papers, Leitfäden und Handbüchern – unter anderem auf der Plattform connectNRW –
veröffentlicht. Geplant ist die Nutzung weiterer medialer Formate, wie beispielsweise von Massive Open Online Courses (MOOCs), um Informationen zu den Methoden und Erkenntnissen sowohl den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen als auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Prof. Dr. Maier:
Die Erfahrungen aus dem Forschungskolleg haben gezeigt, dass neben Veröffentlichungen ein kontinuierlicher wechselseitiger Austausch mit den Praxispartnern sehr erfolgreich ist. In regelmäßigen gemeinsamen Veranstaltungen, wie z.B. Workshops mit Vertretern von Unternehmen,  Gewerkschaften und Betriebsräten, können die Forschungsfragen reflektiert und Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen diskutiert werden. Damit neue Technologien auch direkt erlebbar sind, ist langfristig die Einrichtung eines Digital Future Lab mit Demonstratoren geplant.