Innovative Informationstechnologie - Bibelwissenschaftler schaffen einzigartige Editionstechnik

Markusevangeliums von 1432

Digitalisierung bedeutet für die Geisteswissenschaften eine ähnlich epochale Wende wie der Übergang von der handschriftlichen Überlieferung zum Buchdruck. Texte und Handschriften, die nicht digitalisiert werden, könnten als kulturellen Erbe verloren gehen. Das Institut für Neutestamentliche Textforschung in Münster hat sich dieser Herausforderung gestellt und verfügt heute über eine weltweit einzigartige Sammlung von Fotos und Scans der Handschriften und über eine computergestützte Methode:

Mit der Kohärenzbasierten Genealogischen Methode, der Coherence-Based Genealogical Method (CBGM) können die Urtexte des Neuen Testaments nach ihrer historischen Abstammung rekonstruiert werden.

Das Editionsprojekt „Novum Testamentum Graecum – Editio Critica Maior“ (ECM) am Institut für Neutestamentliche Textforschung in Münster erforscht die Überlieferung des Neuen Testaments in seiner griechischen Ursprache und dokumentiert dessen Textgeschichte. Die ECM hat das Ziel, das gesamte Neue Testament im griechischen Urtext auf der Basis aller textgeschichtlich relevanten Quellen neu zu edieren. Dabei ist die Druckfassung nur eine Form der Publikation. Alle Teile der Edition entstehen zunächst in einer Datenbank, die Instrumente zur Vorbereitung und Erforschung des Materials sind digital, und ein zunehmender Teil der Publikation erfolgt online. Basis für die Forschung bilden die Fotografien und Transkriptionen von rund 5.700 griechischen Handschriften, die im Institut seit der Gründung 1959 zusammengetragen wurden.

Die Kohärenzbasierte Genealogische Methode - Coherence-Based Genealogical Method (CBGM)

In reichen handschriftlichen Überlieferungen wie der des Neuen Testaments ist es immer wieder zu wechselseitigen Einflüssen der Überlieferung in einem Traditionsstrang durch einen anderen gekommen, so dass die direkte Überlieferungslinie gestört oder kontaminiert wurde. Diese Kontaminationen, so der philologische Fachbegriff, konnten bisher mit den klassischen Mitteln der Philologie nicht verhindert werden. Mit der CBGM ist es nun möglich geworden, mit Kontamination so umzugehen, dass Stemmatik trotzdem funktioniert – also eine grafische Gliederung in historischer Abfolge der Texte, nicht der Handschriften selbst. Das ist das Besondere an der Kohärenzmethode: Sie neutralisiert Kontamination, indem die Texte stemmatologisch erfasst werden und nicht die Handschriften, in denen die Texte überliefert sind. Die Anwendung der Kohärenzmethode hat bereits zu einer Neukonstitution des Ausgangstextes an 88 Stellen in der Apostelgeschichte und den Katholischen Briefen geführt.

Modell für andere Editionen

Institutsdirektor Holger Strutwolf ist stolz auf die Ergebnisse der intensiven Forschungsarbeit: „Wir bahnen den Weg zu den Quellen.“ Wichtig ist dem Universitätsprofessor für Patristik und neutestamentliche Textforschung, dass die methodischen Erkenntnisse auf andere philologische Handschriftenforschungen übertragen werden können: „Es ist ein mögliches Modell für andere Editionsprojekte, zum Beispiel für die Koranwissenschaft. Unsere offene digitale Edition kann flexibel auf die Bedürfnisse von Handschriftenforschern eingestellt werden.“ Denn die CBGM ist eine Textkritik mit quantifizierender Methodik. „Damit können wir und andere Forscher unser kulturelles Erbe, unser kulturelles Gedächtnis, nicht nur bewahren“, fasst der Professor zusammen, „sondern auch in eine neue Epoche, in das digitale Zeitalter, überführen.“ Denn für die Geisteswissenschaften, fährt der Patristiker fort, werde es dringend Zeit, die Schwelle zum neuen Medienzeitalter zu überschreiten. „Wer es nicht schafft, die auf Mikrofilm oder Fotografie gespeicherten Quellen zu digitalisieren“, warnt Holger Strutwolf, „verliert diese Quellen über kurz oder lang, denn Mikrofilme sind nicht unendlich haltbar - sie zerfallen.“

Das Institut

Am Institut für Neutestamentliche Textforschung (INTF) mit dem angeschlossenen Bibelmuseum werden die weltweit rezipierten Ausgaben des griechischen Neuen Testaments ediert, der „Nestle-Aland“ (28. Auflage 2012) und das „United Bible Societies Greek New Testament“ (GNT, 5. Auflage 2014).
Gegründet wurde das Institut, das an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Teil der Evangelisch-Theologischen Fakultät ist, vom evangelischen Theologen Kurt Aland (1915-1994). Seit 2004 ist Prof. Dr. Holger Strutwolf Direktor des INTF wie auch des Bibelmuseums und Lehrstuhlinhaber für Patristik und Neutestamentliche Textforschung. Das Institut für Neutestamentliche Textforschung ist Teil des Exzellenz-Clusters „Religion und Politik“ der Universität Münster.

Weitere Informationen

http://egora.uni-muenster.de/intf/