Islamwissenschaftlerin und Historikerin erhalten Dissertationspreis Kulturwissenschaften

Die Preisträgerinnen

Die Salafismusexpertin Justyna Nedza erhielt für ihre Arbeit zum Vorwurf des Abfalls vom islamischen Glauben im militanten salafistischen Diskurs den ersten Preis. Der zweite Preis ging an die Historikerin Olena Petrenko für ihre Dissertation zu Frauen im ukrainischen nationalistischen Untergrund. Den Preis vergibt jährlich der Förderverein des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) mit Unterstützung der Stiftung für Kulturwissenschaften. Foto: KWI, Miriam Wienhold

Ein Preisgeld von 3.000 Euro und damit den ersten Preis erhielt Justyna Nedza für ihre Arbeit „Der Staat als Feind. Die Rolle des Apostasievorwurfs (takfīr) im militanten salafistischen Diskurs“. Anhand der Schriften von vier führenden salafistischen Theoretikern analysiert sie die Entwicklung und Instrumentalisierung der theologisch aufgeladenen Rechtspraxis des takfīr. Takfīr bezeichnet die Praxis, einen Muslim des Glaubensabfalls zu bezichtigen, im islamischen Recht eine ernste Vorhaltung. Dabei dient dieser Apostasievorwurf als zentrales Instrument im politischen Kampf um Deutungshoheit. Militante Salafisten legitimieren so den Aufruf zum Kampf gegen nicht militant salafistische Staaten und Institutionen. Für Nedza spielt dabei vor allem der nationale Referenzrahmen der Theoretiker eine entscheidende Rolle. Der militante Salafismus sei in seiner Dimension selten so beschrieben worden, wie bei Nedza, so Laudatorin und KWI-Vorstandsmitglied Corinna Mieth, die ihrer herausragenden Arbeit „strenge Sachlichkeit und Tiefgang“ attestierte.

„Gender Studies at its best“, so lobte KWI-Direktorin Ute Schneider die Arbeit der Zweiplatzierten Olena Petrenko. Die Historikerin wurde für ihre Dissertationsschrift „Frauen im ukrainischen nationalistischen Untergrund der 1930er-1950er Jahre“ mit 1.500 Euro ausgezeichnet. Eine Arbeit von „geradezu brennender Aktualität“ sei ihr gelungen, so Schneider in ihrer Würdigung. Petrenko untersucht das bislang unerforschte Feld der Frauen in der Geschichte der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Über die Betrachtung der bis dato marginalisierten Frauenbiographien des ukrainischen Untergrunds gelingt ihr eine neue Perspektive auf den Untergrund insgesamt. Dabei hebt sie unter anderem im ukrainischen Diskurs so tabuisierte Bereiche wie die Agententätigkeit von Frauen, Sexualität oder Gewaltanwendung durch Frauen hervor. In Kürze erscheint von ihr „Unter Männern: Frauen im ukrainischen nationalistischen Untergrund 1944–1954“ im Verlag Schöningh.

Bei der Preisverleihung am 27. Februar 2018 berichteten die Preisträgerinnen von den Herausforderungen bei der Arbeit. So brach bei beiden Frauen die Gegenwart in Form zweier Revolutionen in ihren Forschungsalltag hinein: Justyna Nedza war in Kairo zu Beginn des „Arabischen Frühlings“, Olena Petrenko unterbrach ihre Arbeit, um mit Hunderttausenden in Kiew auf dem Maidan zu demonstrieren. Diese ungewöhnlichen Umstände ihrer Forschung ermöglichten die beiden exzellenten Arbeiten, für die ihnen Thomas Geer, der Vorsitzende des KWI-Fördervereins, die Preise überreichte.

Über den Dissertationspreis Kulturwissenschaften

Zur Unterstützung junger Forscherinnen und Forscher lobt der Verein zur Förderung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) seit 2009 jährlich den „Dissertationspreis Kulturwissenschaften“ aus. Der Preis zeichnet exzellente Arbeiten in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften aus, die an einer der drei zur Universitätsallianz Ruhr (UAR) gehörenden Universitäten in Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen verfasst wurden. Mit dem Preis unterstützen der Förderverein des KWI und die Stiftung für Kulturwissenschaften die interuniversitäre Arbeit des Forschungskollegs und fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs in den Kulturwissenschaften.

Die nächste Ausschreibung für den Dissertationspreis erfolgt im Frühjahr 2018 auf den Seiten des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI).