Kölner Wissenschaftlerin forscht über die Vielfalt des Amateurmusizierens

Band mit Saxophone

Ob Chöre, Orchester, Pop- und Rockbands oder Musik von Migranten: In diesen Bereichen haben sich in den vergangenen Jahren im Unterschied zum sogenannten Mainstream zunehmend weitere Genres und Repertoires ausdifferenziert. Insbesondere das Chorsingen erlangt eine neue Popularität, die sich vor allem im Bereich des Offenen Singen oder auch der vielen Chorneugründungen zeigt. Das Amateurmuszieren in Deutschland ist im kulturellen und gesellschaftlichen Leben von enormer Bedeutung.

Schätzungsweise 14 Millionen Menschen machen in ihrer Freizeit Musik. Damit ist das Amateurmusizieren wohl eine der größten Bewegungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. „Es ist die kulturelle Ausgleichskraft im Prozess der Globalisierung“, sagt Dr. Astrid Reimers vom Institut für Europäische Musikethnologie der Universität zu Köln. Über die Arbeit von Chören, Orchestern und Verbänden berichtet Reimers in einem neuen Kompendium zu Strukturen und Entwicklungen des Musiklebens in Deutschland, das auf der Leipziger Buchmesse vom Deutschen Musikrat/Deutsches Musikinformationszentrum (MIZ) vorgestellt wird.

Die Vielfalt des Amateurmusizierens ist beeindruckend: So gibt es beispielsweise im Erhebungszeitraum 2017/2018 fast 20 000 weltliche Orchester, Chöre und Ensembles mit über 600 000 aktiven Mitgliedern. Dazu kommen noch einmal mehr als 13 000 kirchliche Orchester und Ensembles. Mehr als 55000 weltliche und kirchliche Chöre bereichern das Spektrum weiter.

Vielfalt und damit auch kultureller Reichtum sind die hervorstechenden Merkmale des Amateurmusizierens. „Genres, Repertoires und Gruppen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend ausdifferenziert, sei es im Bereich der Chöre und Orchester oder der Pop- und Rockbands", so Reimers zu den Ergebnissen ihrer Forschung.

Besonders populär ist das Singen im Chor – es ist Kult. Neben den organisierten Chören gibt es eine Vielzahl von Neugründungen, die nicht in Verbänden organisiert sind. Zunehmender Beliebtheit erfreut sich auch das „Offene Singen“, auch „Mitsingveranstaltung“ oder „Rudelsingen“ genannte Phänomen, das in Veranstaltungsräumen aber auch in Kneipen und Kirchen stattfindet.

Reimers verweist auf Studien, die belegen, dass Mädchen und Frauen eine höhere Affinität zum Chorsingen gegenüber Jungen und Männern haben, dass aber vergleichsweise sogar mehr Männer als Frauen singen und zwar wenn sie allein sind, zum Beispiel im Auto. „Empirisch belegt sei jedenfalls, dass es einen Zusammenhang zwischen Singen in der Jugend und Chormitgliedschaft im Erwachsenenalter gibt" so Reimers. Die Musikverbände aber auch die einzelnen Bundesländer hätten daher zahlreiche regionale und überregionale Initiativen ins Leben gerufen um jugendlichen Nachwuchs zu gewinnen. Eine Besonderheit sei hier zum Beispiel das Singprogramm „Canto elementar" für Kindertagesstätten, in dem ältere Menschen mit Kindern gemeinsam singen.

Bei den Orchester- und Instrumentalensembles stellt sie fest, dass die Zahl von aktuell 1,6 Millionen Menschen, die in Instrumentalmusikverbänden organisiert sind, zwar stabil ist, die der Ensembles aber leicht rückläufig. Verlusten im Bereich der Blas-, Akkordeon- und Zupforchester stehe jedoch eine weiterhin positive Entwicklung bei den Sinfonie- und Streichorchestern gegenüber. Die rückläufigen Mitgliederzahlen und die demografische Entwicklung in Deutschland hätten aber auch neue Angebote speziell für ältere AmateurmusikerInnen zur Folge.

Eine für das Amateurmusizieren wichtige gesellschaftliche Entwicklung ist der Auf- und Ausbau der Ganztagsschulen, die nachmittags musikalische Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen ermöglichen. „Chor- und Instrumentalverbänden sowie Musikschulen, die dadurch ihr Angebot gefährdet sehen, wurden in mehreren Bundesländern bereits Kooperationen mit den Schulen angeboten, so dass alle Institutionen und besonders die SchülerInnen davon profitieren", sagt Reimers.

Ein besonders Kapitel ist dem Thema Migration gewidmet. „Die mit Sicherheit größte Spannbreite musikalischer Stile im bundesdeutschen Amateurmusizieren ist den Menschen mit Migrationshintergrund zu verdanken - allein durch die Vielzahl der hier vertretenen Ethnien" so Reimers. Die Vielfalt der Musikstile, die Bildung von Struktur und Vernetzung hänge auch mit der Einwanderungssituation zusammen. Einer groß angelegten bundesweiten Umfrage des Arbeitskreises Musik in der Jugend unter Kinder- und Jugendchören aus dem Jahr 2015 zufolge, haben von 173 Chören knapp 70 Prozent (121 Ensembles) Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte unter den Mitgliedern und letztere sind in diesen Chören prozentual sogar stärker vertreten als in der Gesamtbevölkerung.

Weitere Informationen

Einen Überblick über amateurmusikalische Aktivitäten am Beispiel Kölns gibt die interaktive Karte „Hör Köln – Listen to Cologne!“, die 2018 am Institut für Europäische Musikethnologie an der Universität zu Köln entwickelt wurde und nun fortlaufend ergänzt wird: www.hf.uni-koeln.de/39595

Weitere Infos: www.miz.org/themenportale/laienmusizieren