... Professor Martin Diewald, Universität Bielefeld

Porträt Professor Diewald

Prof. Dr. Martin Diewald ist an der Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, als Professor für Sozialstrukturanalyse tätig. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen u.a. die sozialen Ungleichheiten, Lebensläufe und individuelle Entwicklungen, Soziogenetik sowie Digitalisierung. Er rät Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zur klaren Profilierung im eigenen Fach und die aktive Nutzung von Projekten im Ausland.

Worin sehen Sie den besonderen Stellenwert Ihres Faches im Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen?

  1. Im Verständnis von Konkurrenz und Kooperation in der Regelung zwischenmenschlichen Zusammenlebens, dem Verständnis von Voraussetzungen gelingender Kooperation und Integration in heterogener und mobiler werdenden Bevölkerungen;
  2. Im Verständnis von Möglichkeiten des Umgangs mit schnellen und gleichzeitig tiefgreifenden technischen Entwicklungen jenseits eines Technikdeterminismus und puren ökonomischen Effizienzdenkens;
  3. In der Hinterfragung von Wahrnehmungs- und Bewertungsmustern, die uns quasi-natürlich erscheinen, aber sozial konstruiert sind;
  4. Und vor allem im Verständnis der sozialen Einflüsse auf Lebenswege und individuelle Entwicklung jenseits der einseitig biologistischen sogenannten „Lebenswissenschaften“ – aber unbedingt in transdisziplinärer Kooperation mit diesen. „Nature“ versus „nurture“ ist überholt, es geht ganz entscheidend um die Schnittstellen zwischen beiden Einflüssen, und zwar auf der Höhe der jeweiligen disziplinären Erkenntnisse und Entwicklungen. Da ist die Sozialwissenschaft gefragt, auch für speziell die Reaktion des menschlichen Organismus auf Umweltbedingungen adäquatere Konzepte und Messungen zu entwickeln. Umgekehrt erklären die Biologie bzw. Genetik für sich genommen alleine sehr wenig an komplexeren Eigenschaften, Verhaltensweisen und Lebenswegen.

Welche Entwicklungen würden Sie gerne in unserer Gesellschaft in naher Zukunft sehen?

  1. Eine Bildungs- und Sozialpolitik, die der Heterogenität der in Deutschland lebenden Menschen angemessener Rechnung trägt, d.h. besser auf individuelle Zumutbarkeiten und Unterstützungsbedarfe (statt bisher: soziale Herkunft) ausgerichtet ist.
  2. Stärkere Beachtung von globalen Nachhaltigkeitskriterien: fairer Handel, mehr Investitionen in die Lebensbedingungen derjenigen Länder, von deren Schätzen wir lange profitiert haben und immer noch profitieren.
  3. Eine zeitgemäße Debatte um Lebensentwürfe und –möglichkeiten der Geschlechter, jenseits einseitiger Täter-/Opfer-Schemata. Das immer noch ungelöste Vereinbarkeitsproblem ist davon nur ein, wenn auch wichtiger Aspekt.
  4. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen weltweiter Migration, allgemein und speziell nach Deutschland. Es muss Schluss sein mit der Polarisierung in eine Fremden-Phobie auf der einen und der Verharmlosung bzw. Leugnung von Problemen der Zuwanderung auf der anderen Seite. Ein Einwanderungsrecht muss endlich her, um das Asylrecht wieder auf die eigentliche Aufgabe anwenden zu können.

Was ist Ihr Rat für die neue Generation an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften?

Vorab: Ich denke, jede Generation muss für sich selbst suchen, was ihr wichtig erscheint. Das schließt natürlich nicht aus, von Erfahrungen anderer, auch älterer Kollegen zu profitieren.
Wer gelesen werden will, muss englischsprachige peer review-Publikationen ansteuern, auch wenn der Aufwand größer und das Risiko höher ist.
Vernetzung ist sehr wichtig, dazu auch mal ins Ausland gehen, und zwar weniger als kurzfristiger Aufenthalt ohne direkte Anbindung vor Ort, sondern über Einbindung in Kooperationsvorhaben/Projekte.
In jungem akademischen Alter Vorsicht mit Interdisziplinarität. Das macht die Etablierung im eigenen Fach nicht unbedingt leichter. Im englischsprachigen Ausland gilt das nicht im gleichen Umfang, denn es gibt dort eher Departments, die sich an Themen orientieren und nicht an wissenschaftlichen Disziplinen.
Aber ist es auch so dass eine fruchtbare interdisziplinäre Kooperation eher auf der Basis einer klaren Profilierung im eigenen Fach gelingt.

Und noch speziell für empirisch arbeitende Sozialwissenschaftler, die große, langlaufende Projekte im Sinn haben: besser außeruniversitäre Einrichtungen als Universitäten.

Welchen Buchtipp können Sie uns geben?

Dalton Conley & Jason Fletcher (2018): The Genome Factor What the Social Genomics Revolution Reveals about Ourselves, Our History, and the Future. Princeton University Press

Weitere Informationen

www.uni-bielefeld.de/soz/personen/diewald/