... Professorin Annette Kluge, Ruhr-Universität Bochum

Professorin Annette Kluge

Prof. Dr. Annette Kluge ist an der Ruhr-Universität Bochum Inhaberin des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen u.a. der menschliche Faktor in komplexen technischen Systemen, das Erlernen und Erhalten von Taskwork- und Teamwork-Kompetenzen für das Steuern komplexer technischer Systeme, die Gestaltung von digitalen Realitäten sowie organisationale Veränderung, organisationales Lernen und Vergessen. (Foto: Maximilian Geuter)

Worin sehen Sie den besonderen Stellenwert Ihres Faches im Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen?

Die Arbeits-, Ingenieurs- und Organisationspsychologie (AIO) trägt konstruktiv dazu bei, die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die durch Digitalisierung bereits zu beobachten sind, zu erforschen und die, die noch eintreten werden, aktiv mitzugestalten. Die technisch-digitalen Veränderungen in den Arbeitswelten werden hinsichtlich der Chancen und Risiken für den Menschen erforscht und daraus Lehren gezogen, wie man Technik zukünftig gestalten sollte. Aus den letzten 150 Jahren Industrialisierungsgeschichte lassen sich die guten und schlechten Erfahrungen zu Arbeitszufriedenheit, Arbeitsmotivation, Sinnerleben, Gesundheit, Leistung, Führungsbeziehungen, Teamwork, Stress, Wohlbefinden etc. nutzen. Wir können auf dieser Basis die Zukunft der Arbeit und des Wirtschaftslebens so gestalten, dass wir die Anzahl der Win-Win Lösungen, für Arbeitnehmer/innen, für die Unternehmen, für die Mitbestimmung, für die Zulieferer, für die Konsument/innen, für den Umwelt- und Naturschutz – und im diesem Sinnen prinzipiell für alle Stakeholder – maximieren.

Alles, was man bisher in Einzeldisziplinen erforscht hat, um Gestaltungsmöglichkeiten für eine Einzelfragestellung abzuleiten, muss nun zur Gestaltung der Zukunft zusammengeführt werden. Die AIO-Psychologie nimmt da die zentrale Position ein, denn alle Stakeholder sind Personen, Gruppen von Personen und ganze soziale Systeme und sind in ihrem Erleben und Verhalten von der Psychologie untersucht. Die Psychologie kann hier zum „Human Centered Design“ zentrale Erkenntnisse liefern.

Welche Entwicklungen würden Sie gerne in unserer Gesellschaft in naher Zukunft sehen?

Wir brauchen noch dringender als zuvor eine interdisziplinäre Betrachtung der AIO-Psychologie, der Informatik, der Ingenieurswissenschaft, der Arbeitsmedizin, der Rechtwissenschaft (inklusive Datenschutz), der Philosophie und der Soziologie auf Fragestellungen, die auf uns zukommen, um menschzentrierte Lösungen sog. „Human Centered Design“ zu entwickeln. Dabei muss es Gestaltungsrichtlinien oder Kriterien geben, was „Human Centered“ ist. Üblicherweise meinen wir damit die Nutzer/innen von Technik, aber wir sollten den Blick weiten hin zu der Fragestellung: Welche Gesellschaftsform und welches gesellschaftliche Leben wollen wir mit digitalen Technologien fördern?

In der Technologiefolgeabschätzung heißt es: Man kann sich mit Technik weder das Paradies noch die Hölle erkaufen (Renn, 2005). Technik lässt sich nicht in moralisch gerechtfertigte und moralisch ungerechtfertigte aufteilen (Renn, 2005). Sondern man muss als Disziplin den Gestaltungswillen und die Gestaltungsmotivation aufbringen, sich mit den psychischen, technischen, umweltbezogenen, ökonomischen, sozialen, kulturellen Wirkungen wissenschaftlich abgesichert und system(at)isch auseinanderzusetzen. Dabei aber nicht zu verzweifeln, sondern dennoch mutige Entscheidungen immer zu Gunsten der Menschen zu treffen.

Man kann zwar in komplexen Systemen nicht immer im Vorhinein alles wissen, vorhersehen und absehen. Aber sobald negative Wirkungen deutlich werden, muss man sich überlegen, wie man gegensteuert, nachbessert, vielleicht Entwicklungen ganz stoppt. Ich kann mir vorstellen, dass alle die, die sich mit dem Aufbau der Infrastruktur für die digitale Zukunft beschäftigen, jetzt „aufschreien“, denn man will ja, dass sich Investitionen rentieren. Aber wenn wir erkennen, wie destruktiv und kriminell Digitalisierung genutzt wird, kann man nicht auf die „Unsichtbare Hand des Marktes“ alleine hoffen.

Renn, O. (2005). Technikfolgenabschätzung. In D. Frey, L. von Rosenstiel & C. Graf Hoyos (Hrsg.), Wirtschaftspsychologie (339-344). Weinheim: Belz.

Was ist Ihr Rat für die neue Generation an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften?

Die neue Generation Wissenschaftler/innen sollte mutig sein und sich in die Gestaltung von Technik und den digitalen Veränderungsprozessen einbringen und mitreden. Kritisieren oder Schwarzmalen alleine reicht nicht. Es gibt so viele Chancen der Inklusion und der differentiellen und dynamischen Gestaltung von Arbeitstätigkeiten, die nun und zukünftig genau das realisieren können, wie das in den „Lehrbüchern“ gefordert und gewünscht wird. Endlich kann man vieles umsetzen, was jahrelang eher utopisch erschien. Systeme lassen sich zukünftig an die Nutzer/innen ganz mensch-zentriert anpassen und individualisieren. Aber wir alle müssen das auch mit umsetzen wollen. Es reicht nicht hinterher zu sagen: „Haben wir doch gleich gesagt….!“ Man/frau muss stattdessen aktiv auf die Technikentwickler/innen zugehen und sich Gehör verschaffen.

Welchen Buchtipp können Sie uns geben?

  • Brynjolfsson, E., & McAfee, A. (2014). The second machine age: Work, progress, and prosperity in a time of brilliant technologies. WW Norton & Company.
  • Rifkin, J. (2014). Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. Campus Verlag.
  • Harari, Y. N. (2013). Eine kurze Geschichte der Menschheit. DVA.

Weitere Informationen

www.aow.ruhr-uni-bochum.de/team/prof/index.html.de