Sakralbauten: verkauft, umgenutzt oder abgerissen

Kirchenfenster

Vor dem Hintergrund der rückläufigen Kirchenmitgliederzahlen werden zunehmend Kirchen verkauft, umgenutzt oder abgerissen. Der damit einhergehende Umwandlungsprozess verläuft oftmals unstrukturiert. Eine neue Forschungsgruppe an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn erarbeitet eine praxisrelevante "Theorie des sakralen Raumes" im 21. Jahrhundert, die den unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen gerecht werden soll.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die Forschungsgruppe mit voraussichtlich bis zu 2,5 Millionen Euro für bis zu sechs Jahre.

Das Vorhaben untersucht die Umwandlung sakraler Räume wie zum Beispiel Kirchen und Klöster in säkulare Nutzungen. Wo früher Gottesdienste abgehalten wurden, befinden sich anschließend Büros, Kultur-, Gewerbe- oder Besprechungsräume. Die von der Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn eingerichtete und geleitete Forschungsgruppe fokussiert sich dabei auf die Regionen Aachen und Leipzig.

„Sakralräume sind Bedeutungsräume, in denen viel Potenzial steckt“, sagt Prof. Dr. Albert Gerhards, Sprecher der neuen Forschungsgruppe. Wenn in einer Kirche die Gottesdienstbesucher zurückgehen, könne zum Beispiel auch über Mischnutzungen zusammen mit Kultur- oder anderen religiösen Gruppen nachgedacht werden. An den Umwandlungsprozessen seien verschiedene Interessengruppen auf unterschiedlichen Ebenen beteiligt wie Politik und Kirchenleitungen, Kommunen und christliche Ortsgemeinden, der Immobilienmarkt, die Wirtschaft sowie der Denkmalschutz und schließlich der einzelne Mensch und seine Beziehung zum Sakralraum. „Die Grundfragestellung lautet: Welche Kriterien müssen bei der Aufgabenstellung der Transformation von Kirchenbauten und sakralen Orten im Allgemeinen beachtet werden, damit unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden und der Integrität des Sakralraums Rechnung getragen wird?“, sagt die stellvertretende Sprecherin Dr. Kim de Wildt vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum.

Mit dem Thema wurde Prof. Gerhards schon in den 1980er Jahren in Kunstkommissionen konfrontiert, zum Beispiel mit Kirchenabrissen aufgrund des Braunkohletagebaus. „Mir fiel auf, dass es damals wie auch heute keine Kriterien gab für einen konstruktiven Umgang mit dieser Problematik“, sagt der inzwischen emeritierte Theologe. „Das hat mich dazu veranlasst, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und sie zu vertiefen, zum Beispiel in Richtung alternativer Nutzungsmöglichkeiten von Kirchenbauten.“

Die Forschungsgruppe unterteilt sich in sieben Teilprojekte, in die auch Prof. Dr. Jörg Seip von der Pastoraltheologie der Bonner Alma mater eingebunden ist. Neben den Universitäten Bonn und Köln sind auch die Universitäten Wuppertal, Leipzig und Regensburg beteiligt. Insgesamt planen die Wissenschaftler sieben Teilprojekte zu der Thematik. Die Expertise reicht von der Theologie und Religionswissenschaft über die Kunsthistorik und Architektur bis hin zur Immobilienwirtschaft. Die Forschung soll mit der Unterstützung von Doktoranden und Post-Doktoranden vorangetrieben werden. Ziel ist neben wissenschaftlichen Publikationen und einer Home Page ein Praxishandbuch als Leitfaden, mit dem die Optionen für zu schließende oder umzunutzende Sakralgebäude diskutiert werden können.

Die Förderung einer Forschungsgruppe ermöglicht laut DFG eine mittelfristig angelegte enge Zusammenarbeit von herausragenden Wissenschaftlern an einer besonderen Forschungsaufgabe. Ziel sei es, Ergebnisse zu erreichen, die über die Einzelprojektförderung deutlich hinausgehen.