Studie zu Flüchtlingsintegration: Ost- und Westdeutsche zeigen ähnliche Hilfsbereitschaft

Brief in einer Hand

In der Diskussion über Zuwanderung ist es häufig insbesondere der Osten von Deutschland, den die Bevölkerung mit Hetze gegen Geflüchtete assoziiert. Aber gibt es bei alltäglichen kleinen Hilfeleistungen Unterschiede zwischen Ost und West? Dieser Frage sind Psychologen der Universitäten Münster und Bielefeld sowie der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW nachgegangen.

Wissenschaftlichen Daten und Umfragen zufolge sind Vorurteile gegen Migranten in Ostdeutschland oft stärker ausgeprägt als in Westdeutschland. Spiegeln sich solche Unterschiede auch bei alltäglichen kleinen Hilfeleistungen wider? Dieser Frage sind Forscherinnen und Forscher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), der Universität Bielefeld und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW nachgegangen. In zwei Feldstudien verglichen sie das Hilfeverhalten in Alltagssituationen in Ost- und Westdeutschland.

Dazu griffen die Psychologen um Dr. Jens H. Hellmann von der WWU zu einer selten angewandten Methode. Sie legten frankierte Briefe auf der Straße aus: Die Hälfte der verstreuten Briefe war an ein Projekt zur Flüchtlingsintegration adressiert, die andere Hälfte an ein Projekt für Zuwanderungsstopp. Die Wissenschaftler untersuchten, wie viele der Briefe zurückgeschickt wurden und berücksichtigten die jeweilige Region – städtisch und ländlich, Osten und Westen. Das Ergebnis: Es ließen sich keine wesentlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland feststellen. Insgesamt lag der Anteil der eingeworfenen Briefe an das Flüchtlingsintegrations-Projekt jeweils bei rund 45 Prozent, an das Zuwanderungsstopp-Projekt bei rund 25 Prozent. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Social Psychology“ erschienen.

Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu gängigen Vermutungen und Umfrageergebnissen, dass sich Ostdeutsche eher als Westdeutsche gegen eine Integration von Flüchtlingen aussprechen. „Auch wenn es im Osten Deutschlands mehr rechte Gewalttaten gibt als im Westen, dürfen wir solche Fälle nicht für ganz Ostdeutschland verallgemeinern“, betont Studienleiter Jens H. Hellmann. „Jede einzelne Tat ist natürlich zu verurteilen und darf auf keinen Fall verharmlost werden, aber eine Generalisierung auf alle Ostdeutschen wäre falsch und fatal. Sie würde auch diejenigen abstempeln, die gerne einen Beitrag zur Flüchtlingsintegration leisten, wenn sie die Chance dazu haben.“

Die Forscher argumentieren in ihrem Artikel, dass Umfrageergebnisse nur teilweise Vorhersagen des Verhaltens im Alltag zulassen. Es ließe sich demnach vermuten: Nicht alle Menschen, die ablehnende Haltungen gegenüber Geflüchteten mitteilen, lassen einen Brief an das Flüchtlingsintegrations-Projekt liegen. Und nicht alle Menschen, die positive Einstellungen gegenüber Geflüchteten berichten, helfen im Alltag.

Zur Methode

Die Forscher legten insgesamt 800 frankierte Briefe so weit voneinander entfernt aus, dass potenzielle Finder möglichst nur einen Brief entdeckten. Als Orte wählten die Wissenschaftler Dresden, Bremen und ländlichere Gegenden. Die Rücklaufquoten zeigten, dass insgesamt mehr Briefe für das Projekt zur Flüchtlingsintegration zurückkamen als für das Projekt zum Zuwanderungsstopp – vor allem aus den ost- und westdeutschen Städten. Auch für die Briefe aus den eher ländlichen Regionen kamen weder aus West- noch aus Ostdeutschland mehr für das Zuwanderungsstopp-Projekt zurück.

Weitere Informationen

https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1027/1864-9335/a000397