"Warum eskalieren politische Prozesse, wenn Religion im Spiel ist?"

Festrednerin Prof. Dr. Lyndal Roper, Sprecher Prof. Dr. Nils Jansen, Bürgermeisterin Karin Reismann und WWU-Prorektorin Prof. Dr. Monika Stoll

Das Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster eröffnete mit einem Festakt die neue Förderphase. Das neue Forschungsprogramm "Dynamiken von Tradition und Innovation" wird von 2019 bis 2025 mit 31 Millionen Euro gefördert. Der Exzellenzcluster untersucht seit 2007 das komplexe Verhältnis von Religion und Politik von der Antike bis heute. Beteiligt sind 140 Forschende aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 10 Ländern.

An der Universität Münster ist am Freitagabend die neue Förderphase des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ feierlich eröffnet worden. „Dass wir als einziger geistes- und sozialwissenschaftlicher Verbund in der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern eine dritte Förderzeit einwerben konnten, eröffnet neue Forschungsperspektiven“, sagte der Sprecher und Rechtshistoriker Prof. Dr. Nils Jansen beim Festakt mit rund 200 Gästen aus Wissenschaft, Politik und Religionen. „In den kommenden Jahren fragen wir, wie Religion ihre politische Kraft gewinnt und welche soziale Dynamik dahinterliegt.“ Die Faktoren, die Religion zum Motor des Wandels machen, seien überhaupt noch nicht verstanden. „Warum etwa eskalieren politische Prozesse bis hin zu terroristischer Gewalt, wenn sie in das Feld der Religion geraten, und warum kann Religion zugleich Katalysator von Friedensschlüssen sein?“ Erklärungen seien auf vielen Ebenen zu suchen, so Jansen, „in sozialen Mechanismen und der Psychologie ebenso wie in Charakteristika von Religionen: in ihrer Dialektik von Tradition und Innovation, in ihrem Transzendenzbezug, in der Unverfügbarkeit ihrer Wahrheiten.“

Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster untersucht seit 2007 das komplexe Verhältnis von Religion und Politik von der Antike bis heute. Beteiligt sind 140 Forschende aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 10 Ländern. Das neue Forschungsprogramm „Dynamiken von Tradition und Innovation“ wird von 2019 bis 2025 mit 31 Millionen Euro gefördert. Der Forschungsverbund ist der bundesweit größte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland einer der ältesten und der einzige über Religion. „Der Verlängerungserfolg“, sagte Nils Jansen, „drängt uns dazu, unsere Forschungen in Zukunft zu verfestigen und neue, dauerhafte institutionelle Strukturen zu suchen.“ Neue Forschungsideen fielen dabei freilich weiterhin „nicht vom Himmel“, Innovation sei nicht ohne wissenschaftliche Auseinandersetzung bis hin zur Fundamentalkritik zu erreichen.

Die WWU-Prorektorin für Forschung, Prof. Dr. Monika Stoll, hob in ihrem Grußwort den hohen Grad an Interdisziplinarität des Exzellenzclusters sowie eine breit aufgestellte und sichtbare Wissenschaftskommunikation hervor. Damit füge sich der Forschungsverbund hervorragend in den Schwerpunkt „Religion und Politik“ ein, den das Rektorat im Rahmen der WWU-Bewerbung zur Exzellenzuniversität als forschungsstarken Profilbereich der Universität ausgewählt habe. Der Exzellenzcluster bündele mit sieben von 14 beteiligten Fachbereichen alle Geistes- und Sozialwissenschaften der WWU. Er füge sich zudem mit der Wissenschaftskommunikation in die neu entstandene Transferstrategie der Universität ein. Damit vermittle er seine Forschungen auch in die Breite der Gesellschaft hinein.

Die australische Historikerin und Luther-Biographin Prof. Dr. Lyndal Roper von der Universität Oxford sprach in ihrem Festvortrag über „Cranachs Luther“. Für den Erfolg der Reformation sei es entscheidend gewesen, dass der Künstler Lucas Cranach den Reformator vielfach porträtiert habe.

Münsters Bürgermeisterin Karin Reismann bezeichnete den Exzellenzcluster in ihrem Grußwort als „Leuchtturm“, der weit über Deutschlands Grenzen sichtbar sei. Das Thema „Politik und Religion“ passe wie kaum ein anderes zu Münster als Stadt des Westfälischen Friedens. Universität, Stadt und Gruppen der Zivilgesellschaft arbeiteten gemeinsam daran, die Erinnerung an den Friedensschluss von 1648 zu bewahren, der erstmals einen Krieg nicht militärisch, sondern durch Verhandlungen beendet habe. Der Exzellenzcluster sei ein wichtiger Partner in vielen Formaten des Forschungstransfers wie Podien, Ausstellungen und Schülerakademien, die im Arbeitskreis „Dialoge zum Frieden“ mit dem Zentrum für Wissenschaftskommunikation und in vielfältigen persönlichen Kontakten entwickelt würden. Ein Beispiel sei die vom Cluster initiierte Friedensausstellung 2018 in fünf Häusern in Münster.

Festrednerin Lyndal Roper führte in ihrem Vortrag aus, Luthers Gesicht sei durch die Porträts aus Cranachs Werkstatt wohl zum bekanntesten im 16. Jahrhundert geworden, das weder einem Heiligen noch einem Regenten gehörte. Den Reformator „sehen“ zu können, sei ein wichtiges Element lutherischer Frömmigkeit gewesen. „500 Jahre nach dem Anschlag der 95 Thesen wurden die Portraits in aller Welt aus den Depots geholt worden. Cranachs Luther war 2018 allgegenwärtig und prägte sogar das Design vieler Souvenirs“, so Roper, die in ihrem Vortrag Cranachs Luther-Porträts ebenso beleuchtete wie zeitgenössische. Die Festrednerin ist „Regius Professor of History“ in Oxford und gehört dem Beirat des Exzellenzclusters an. Ihre Biografie „Der Mensch Martin Luther“ wurde mehrfach ausgezeichnet. – Der Rechtshistoriker Nils Jansen hat zum Jahreswechsel das Sprecheramt im Exzellenzcluster von dem Religionssoziologen Detlef Pollack übernommen, der nun stellvertretender Sprecher ist.

Das neue Forschungsprogramm des Exzellenzcluster „Religion und Politik“

Mit dem neuen Forschungsprogramm „Dynamiken von Tradition und Innovation“ baut der 2007 gegründete Exzellenzcluster in seiner dritten Förderphase (2019-2025) auf eine mehr als zehnjährige interdisziplinäre Kooperation auf. Ausgangspunkt war, wie Sprecher Nils Jansen darlegte, die damals neue Beobachtung der Rückkehr der Religion auf die politische Agenda, und die Frage, wie diese mit Säkularisierungstheorien in Übereinstimmung zu bringen war und wie sich zentrale Begriffe wie Religion, Politik, Recht oder Normativität definieren lassen. In der zweiten Phase ab 2012 galt das Interesse der Frage, wo Grenzen zwischen den Feldern von Religion, Politik und Recht verlaufen, wie sie verschoben, angegriffen oder neu austariert wurden. „Solche Prozesse“, so der Rechtshistoriker, „sehen wir vom Investiturstreit bis zu gegenwärtigen Debatten um den Religionsunterricht.“

In der dritten Förderphase des Exzellenzclusters befassen sich die Forschenden mit religiösen Dynamiken von der Antike bis heute in rund 80 Einzelprojekten. Das Augenmerk gilt der Dynamik von Tradition und Innovation, also nicht zuletzt dem Paradox, dass Religionen ihr Innovationspotential regelmäßig im Rückgriff auf ihre Traditionen entwickeln. Um den komplexen Forschungsgegenstand systematisch zu untersuchen, ist er in drei Forschungsfelder unterteilt: transkulturelle Verflechtungen und Entflechtungen, religiöse Vielfalt und rechtlich-politische Einheit sowie Religionskritik und Religionsapologie. Quer dazu verlaufen Theorieplattformen, in denen mit Theorien des Konflikts, der Emotionalität und Medialität sowie der gesellschaftlichen Ungleichheit und Differenzierung gearbeitet wird. Hinzu kommen „Research Clouds“ zu übergreifenden Themen wie Theologische Glaubenslehre und gelebte Religiosität, Migration und Diaspora, Ambiguität und Entscheidung, Genesis und Geltung.

Weitere Informationen

www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2019/mai/PM_Exzellenzcluster_eroeffnet.html