Wie Religion in Familien weitergegeben wird

Prof. Dr. Christel Gärtner und Dr. Olaf Müller

Angesichts des Rückgangs der Religiosität in westlichen Gesellschaften untersuchen Soziologen des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Europa und Kanada, wie und warum Religion in manchen Familien an die nachfolgende Generation weitergegeben wird und in anderen nicht. Bislang fehlen exakte Erklärungen zum Rückgang der Religiosität in westlichen Gesellschaften.

„Wir wissen, dass die Religiosität eines Menschen stark von seiner Erziehung abhängt. Wir wissen jedoch wenig darüber, wie genau Familien Werte, Normen und Deutungsmuster zwischen den Generationen weitergeben, was zur Weitergabe oder Nicht-Weitergabe beiträgt und wie sich dabei Religiosität verändert“, erläutern die Religionssoziologen Prof. Dr. Christel Gärtner und Dr. Olaf Müller vom Exzellenzcluster zum Projektstart. „Dass kirchlich gebundene Religiosität in westlichen Ländern zurückgeht und ein Zusammenhang zu veränderten Vorstellungen in der religiösen Erziehung besteht, ist unstrittig. Doch es fehlt an exakten Daten und Erklärungen, warum manche Familien Glauben weitergeben wollen oder können und andere nicht.“ Die Gruppe mit Forschenden aus fünf Ländern erhält bis 2022 knapp 1,8 Millionen Euro Fördermittel der amerikanischen John Templeton Foundation.

Das Forscherteam befragt Familien in Deutschland, Finnland, Italien, Kanada und Ungarn in einer repräsentativen Erhebung sowie in qualitativen Interviews mit Familienmitgliedern aus drei Generationen, Großeltern, Eltern und Kinder. Die Auswahl der fünf Länder erfolgte aufgrund der historisch je anderen religiösen, sozialen und kulturellen Ausprägung der Länder. Zur Gruppe gehören neben Gärtner, Müller, Linda Hennig-Yildirim und Chiara Porada von der WWU Prof. Dr. Kati Tervo-Niemelä von der University of Eastern Finland, Prof. Dr. Gergely Rosta von der Pázmány Péter Catholic University Budapest, Prof. Dr. Roberta Ricucci von der Universität Turin und Prof. Dr. Peter Beyer und Guillaume Boucher von der Universität Ottawa. Das Projekt ist am Centrum für Religion und Moderne angesiedelt, das aus dem Exzellenzcluster hervorgegangen ist.

Liberale Eltern geben ihre Religion immer weniger weiter

„Dass die kirchlich gebundene Religiosität und Praxis seit den 1960er Jahren kontinuierlich sinkt, ist empirisch belegt und unstrittig“, so Christel Gärtner. In den meisten westlichen Ländern seien die religiöse Erziehung und der autoritäre Erziehungsstil seit den 1970er Jahren zurückgegangen. Die Vermittlung kirchlich-dogmatischer Glaubensinhalte sei kein vorrangiges Erziehungsziel mehr. „Uneinig ist sich die Forschung aber darin, wie die empirischen Befunde des religiösen Abbruchs zu erklären sind.“ Eine gängige Deutung sei, dass es sich um einen Generationeneffekt handele: Religiös liberale Eltern tradieren ihre Religiosität demnach immer weniger an ihre Kinder. Dies verstärke sich bei der Heirat, wenn der Ehepartner einem anderen Glauben angehöre oder nicht religiös sei; die Kinder seien dann weniger religiös als die Kinder aus Familien mit nur einer Religion. „Diese Beobachtung kann jedoch nicht erklären“, so die Soziologin, „wie sich die Tradierung oder der Abbruch zwischen den Generationen vollzieht.“

Das Projekt heißt „The transmission of religion across generations: a comparative international study of continuities and discontinuities in family socialization“ (Die Weitergabe von Religion zwischen Generationen: eine international vergleichende Studie zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten in familialer Sozialisation). Die 1987 gegründete John Templeton Foundation mit Sitz in Pennsylvania vergibt Fördergelder für Forschungen in Physik, Biologie, Psychologie und Sozialwissenschaften sowie Philosophie und Theologie. 2018 wurden nach eigenen Angaben 322 Projekte mit insgesamt 323 Mio. Dollar gefördert.

Weitere Informationen

www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2019/okt/PM_Wie_Religion_in_Familien_weitergegeben_wird.html